22. April: Die Landratte ist von Bord. Ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. Gefühlt jedoch nicht unbedingt. Als ich gestern nach zwei Wochen auf dem Forschungsschiff ‘Sonne’ erstmals den Hafen von Auckland betrat, schien der Untergrund ganz leicht zu schwanken. Oder wackelte ich? Die Gehirn-Weiche ‘Seefahrt aus, Land ein’ war offenbar noch nicht umgestellt. Eine letzte überraschende Erfahrung am Ende einer Dienstfahrt.
21. April: Ich traue meinen Augen nicht. Willi und Harry gemeinsam auf Deck. Das habe ich in den vergangenen beiden Wochen noch nicht erlebt. Der Koch und der Stewart genießen die Sonne und den Blick auf die Skyline von Auckland. Das Forschungsschiff hat im Hafen der größten neuseeländischen Stadt angelegt. Ich frage Willi, ob er froh sei, wieder an Land zu kommen. “Ja, schon”, antwortet der Österreicher, der im Alleingang zwei Wochen lang 51 Mann an Bord so vorzüglich bekocht hat. “Länger hätte es auch nicht dauern dürfen.” Der Stress hat für Willi ein Ende. In Auckland wird ein zweiter Koch an Bord kommen. Dann verteilt sich die Arbeit wieder auf vier Hände. Nicht nur Willi freut sich, dass wir Auckland erreicht haben.
20. April: Edna und Kamila sitzen auf Kisten und genießen die Aussicht aufs Meer. Ein Augenblick, um zu verschnaufen. Mehr nicht, schließlich ist Packtag an Bord der Sonne. Henk schraubt an seinem Schwerelot, der “Bombe”, David an einem Gerät, das wie ein Tipi, ein Indianerzelt, aussieht und mit dem die Biologen Wasser- und Bodenproben vom Meeresgrund geholt haben. Alles muss zerlegt und in Tüten, Säcken, Kisten und Containern verstaut werden. Ein Großteil der Ausrüstung wird erst Wochen nach den Wissenschaftlern wieder in der Heimat eintreffen. Das Ende der Sonne-Fahrt steht vor der Tür. Und was wartet dahinter?
19. April: “Will noch jemand Nachschlag?”, fragt Stewart Harry in die Runde. Kopfschütteln an allen Tischen. Das liegt weiß Gott nicht an der Qualität der Schnitzel, die Koch Willi zubereitet hat, sondern am Seegang. Mein Magen spricht mit mir: “Wenn du mir mehr als dieses kleine Stück Fleisch und die Kartoffel auf deinem Teller zumutest, zeige ich dir, wo die nächste Toilette ist und wie schnell du laufen kannst, wenn du musst.” Der Kapitän hat angeordnet, dass die Bullaugen der ‘Messe’ verschlossen bleiben. Schlägt eine der fünf, sechs Meter hohen Wellen mit Karacho gegen die runden Fensterchen, könnte das Glas im ungünstigsten Fall bersten. Was alles andere als ideal wäre.
18. April: Ein Leben ohne Handy? Für viele ist das inzwischen unvorstellbar, für uns an Bord der Sonne seit knapp zwei Wochen Realität. Mein “Telefonino”, wie es der Italiener nennt, dient mir, seitdem wir den Hafen von Wellington verlassen haben, nur noch als Wecker. Auf der Anzeige steht “Notruf”. Aber der wäre auch nicht angekommen, weil das Telefönchen nicht mal ein Netzchen fand. Bis heute morgen. “Mein Handy hat wieder Empfang”, erzählt mir der niederländische Geologe Henko de Stigter, als wir uns begegnen. “Wir sind ganz nahe an Land.” Vom Winde verweht? Fast.
17. April: “Esst euch noch mal richtig satt!”, sagt Harry, der 1. Stewart an Bord, als wir uns am Mittag in der ‘Messe’ an den gedeckten Tisch setzen. “Heute Abend gibt es nur die Schnabeltasse.” Das verheißt nichts Gutes. Die ‘Sonne’ schippert gerade nordwärts, in ein anderes Forschungsgebiet, wo ebenfalls Methan aus dem Meeresboden blubbert. Das Schiff wird dabei von einem Sturmtief gejagt, das sich von Süden her nähert und uns mit ziemlicher Sicherheit am Abend oder in der Nacht einholen wird. Wird ja auch höchste Zeit, dass der Magen mal wieder richtig gefordert wird.
16. April: Nach zehn Tagen gehen Wolf und ich von Bord der ‘Sonne’. Nein, wir haben nicht die Nase von der Seefahrt voll oder gar vor, die gut 30 Kilometer zur Südspitze der Nordinsel Neuseelands zurückzuschwimmen. Das wäre keine gute Idee. Einen kleinen Hai habe ich schon gesehen, und gefährliche Strömungen gibt es hier auch. Vielmehr erhielten wir die Chance, die Quadratur des Kreises zu durchbrechen. Hältst du dich nämlich auf einem Schiff auf, kannst du immer nur Teile von ihm sehen, filmen oder fotografieren, nicht aber den Pott als Ganzes. Deshalb steigen wir – vorübergehend – vom Schiff aufs Boot um. Derweil geht das Drama um den Schweine-Schwanz weiter.
15. April: Wir haben ein Schwein an Bord. Rosa, mit einem Schwanz. Damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen dem gemeinen Hausschwein und dem wissenschaftlichen Gerät, um das es hier geht, aber auch schon auf. Denn dessen Schwanz ist weder geringelt noch kurz, sondern 670 Meter lang. Das High-Tech-Schwein grunzt oder quiekt auch nicht, bestenfalls piept es. Und auch nur dann, wenn man das Computer-Ohr daran hält. Aber es kann ein ganzes Schiff auf Trab halten.
14. April: Mögt ihr Schlangen? Wahrscheinlich ebenso wenig wie ich. Würmer sind zwar weniger erschreckend, aber im Prinzip doch nichts anderes als kleine Schlangen. Eben eklig. Wir akzeptieren sie doch eigentlich nur als Futter für Vögel oder Köder zum Angeln. Aber niemand würde wohl auf die Idee kommen, sich einen Wurm als Haustier zu halten, ihn mehrmals am Tag aus der Erde zu pulen und diesen lebenden Schlauch zu liebkosen. Ganz so wild ist es bei Andrew nicht. Aber der Biologe an Bord der ‘Sonne’ ist ein echter Wurm-Fan.
13. April: Loderndes Feuer im Kessel; davor ein ruß- und ölverschmierter, übel gelaunter Maschinist, der Kohlen schippt; im Hintergrund riesige Kolben, die unter ohrenbetäubendem Lärm auf und nieder stampfen. So würde ich das Bild vom Maschinenraum beschreiben, das ich seit meiner Kindheit im Kopf mit mir herumtrage. Seinen Ursprung hat es in vielen Seefahrer-Abenteuerfilmen und -büchern, die mich schon als kleiner Junge fesselten. Aber wie sieht es wirklich im Bauch eines Schiffes aus? Höchste Zeit, in die geheimnisumwitterte Welt der Schiffsmaschinen einzutauchen und nachzuschauen.
12. April: Es ist ein bisschen wie im Lied von Klaus Lage: “Tausendmal probiert, tausendmal ist nichts passiert, 1000 und eine Nacht und es hat Zoom gemacht.” Da kannst du als Wissenschaftler dein Gerät wieder und wieder im Labor getestet, alles gewissenhaft vorbereitet, jede Schwachstelle geprüft haben. Und dann passiert doch dieses “Zoom” und katapultiert dich wieder zurück auf ‘Start’. “Das ist eben auf einem Schiff anders als im Labor”, sagt Fahrtleiter Jörg Bialas. So könne schon die salzige und feuchte Meeresluft zu Problemen führen. “Da reagiert die hochgezüchtete Elektronik sehr empfindlich.”
11. April: Siebenmal kurz, einmal lang. Wenn dieses Warnsignal auf dem Schiff ertönt, hört der Spaß auf: “Generalalarm”. Dann muss sich jeder schnell warme Kleidung besorgen, feste Schuhe, eine Kopfbedeckung gegen die Sonne, anschließend die Rettungsweste schnappen – und nichts wie los zum Sammelplatz auf Deck. Gleich am ersten Tag an Bord wurden wir über die Sicherheitsvorkehrungen informiert. Heute üben wir den Ernstfall.
10. April: Der Klondike River liegt seit heute nicht mehr in Kanada, sondern an der Cook-Meeresstraße zwischen der neuseeländischen Nord- und Südinsel, Dawson City auf dem Forschungsschiff “Sonne”. In der vergangenen Nacht fühlte ich mich jedenfalls in die Zeiten des Goldrausches Ende des 19. Jahrhunderts versetzt. Gegen 3.30 Uhr klopft es heftig an der Tür unserer Kabine. “Jungs, aufwachen! Gleich gibt es etwas zu sehen”, ruft uns Jens Greinert zu. Zwei Stunden zuvor haben Wolf und ich mit Jens vereinbart, dass er uns wecken sollte, wenn die Chance bestünde, Methanhydrat, also Erdgas in Eisform, wirklich einmal zu sehen.
9. April: Der Sturm hat sich schlafen gelegt, das Schiff ist aufgewacht. Als der Morgen vor der Küste Neuseelands graut, präsentiert sich der Pazifik endlich wie ein großer Teich. Sanft dahin plätschernd, blauer Himmel, Sonnenschein. Vergessen die zurückliegenden zwei Tage Achterbahnfahrt auf den Wellen. Elegant ziehen Albatrosse ihre Kreise um das Forschungsschiff “Sonne”, das plötzlich wie ein Ameisenhaufen wirkt, den jemand angestochen hat.
8. April: Neptun hat sich immer noch nicht beruhigt. Irgendwer muss ihm etwas in den Tee gekippt haben. Nach wie vor türmen sich die Wellen fünf bis sechs Meter hoch. Das ist schlecht für den Magen (meiner mag sich nicht wirklich daran gewöhnen). Und auch für den Arbeitsplan, auf dem Fahrtleiter Jörg Bialas die eigentlich geplanten wissenschaftlichen Projekte sortiert hat. “Bei so einem Wetter sieht man den ganzen Zeitplan bröckeln”, sagt Jörg.
7. April: Heute fühle ich mich an eine Expedition im Himalaya erinnert. Dort werden die Bergsteiger häufig vom Wetter ausgebremst und müssen sich in Geduld üben. Das geht den Wissenschaftlern an Bord der “Sonne” nicht anders. Sehr kräftiger Wind und Seegang verhinderten, dass die Forscher ihre hochsensiblen Geräte zu Wasser lassen konnten. Dass sie gut daran taten, auf die Experimente zu verzichten, erfuhren Wolf und ich am eigenen Leib.
6. April: “Leinen los!”. Der aus Abenteuerfilmen bekannte laute Ruf ertönt längst nicht mehr, wenn ein Schiff wie die “Sonne” ablegt. Der Kapitän auf der Brücke und der Bootsmann auf Deck verständigen sich per Walkie-Talkie. Ohne großes Geschrei werden die Taue eingeholt und das Forschungsschiff verlässt den Hafen in Wellington. Mit einem Glas Sherry stoßen wir auf den Beginn der gut zweiwöchigen Fahrt an. Wenig später gibt es Abendessen: Currywurst. Kaum ist sie drinnen, will sie schon wieder heraus.
5. April: Noch liegt die “Sonne” vor Anker. Einige Wissenschaftler, die beim ersten Teil der Forschungsfahrt dabei waren, haben das Schiff verlassen, andere sind eingezogen. Wie Wolf und ich, die beiden Reporter an Bord. Wir teilen uns eine Kammer. So heißt das hier nämlich korrekt. Kabinen findet man nur auf Kreuzfahrtschiffen, haben wir gleich gelernt. Und eine Vergnügungsfahrt wird es garantiert nicht. Schließlich sind alle hier, um zu arbeiten.
4. April: Weiter geht es kaum. In der Epoche der großen Entdeckungsreisen hätten Seefahrer dafür Jahre gebraucht. Doch ich bin nicht James Cook. Ich benötigte von Haus zu Haus, sprich von Köln um den halben Globus nach Wellington in Neuseeland, nur 30 Stunden. Die fühlen sich augenblicklich allerdings an wie drei Tage. Denn schließlich flog ich gegen die Zeit. Der Jetlag lässt grüßen.
1. April: Auf See? Oje. Wenn das mal gut geht! Eigentlich habe ich immer ein flaues Gefühl in der Magengrube, wenn ich mich an Bord eines Schiffes begebe. Ich fühle mich dann so ausgeliefert, fremdbestimmt. Mein erster Blick geht stets zum Rettungsboot, verbunden mit der bangen Frage, ob auch alle Passagiere hineinpassen oder ob – wie einst auf der Titanic – gesiebt werden muss: Frauen und Kinder zuerst…